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Insolvenz des Arbeitgebers – was wird mit der Abfindung?

Abfindung bei Insolvenz des Arbeitgebers? Worauf können Arbeitnehmer noch hoffen und was wird aus einer vereinbarten Abfindung?

Worum geht es in dem Beitrag?

  • wird der Arbeitsvertrag ungültig oder wertlos?
  • bleibt der allgemeine Kündigungsschutz erhalten?
  • bleiben Rechte aus dem besonderen Kündigungsschutz erhalten?
  • ist bei Kündigungen auch eine Sozialauswahl einzuhalten?
  • was kann der Betriebsrat noch retten?
  • welche Kündigungsfristen gelten bei Insolvenz?
  • unter welchen Bedingungen gibt es Insolvenzgeld?
  • welche Chancen auf eine Abfindung gibt es?

 

Kaum Chance auf Abfindung bei Insolvenz

Die gute Nachricht: Auch bei einer Insolvenz des Arbeitgebers gelten die allgemeinen arbeitsrechtlichen Regeln. Deshalb bleiben die bisherigen Arbeitsverhältnisse nach der Insolvenzordnung (InsO) § 108 weiter bestehen. Das heißt: Arbeitsverträge geltend mit allen wesentlichen Vereinbarungen weiter.

Wenn die Arbeitsverträge wegen der Insolvenz des Arbeitgebers beendet werden sollen, dann sind wie bei jeder Kündigung die gesetzlichen, tariflichen oder einzelvertraglichen Anforderungen an eine Kündigung einzuhalten (siehe auch Kündigung – „Erste Hilfe“-Checkliste).

Ebenso bleiben der allgemeine Kündigungsschutz nach dem Kündigungsschutzgesetz (KSchG) § 1 und der besondere Kündigungsschutz erhalten. Wie vor der Insolvenz ist die Kündigung beispielsweise von Menschen mit Behinderung, Schwangeren oder Beschäftigten in Elternzeit nur mit Zustimmung der jeweils zuständigen Behörde zulässig.

Allein wegen der Insolvenz des Unternehmens ist weder eine ordentliche noch eine außerordentliche Kündigung ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist zulässig (BAG, Urteil v. 8.4.2003, NZA 2003 S. 856). Der Betriebsrat ist gemäß § 102 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) vor jeder Kündigung zu hören.

Im Fall einer Betriebsänderung gemäß § 111 BetrVG – beispielsweise Betriebsstillegung oder -verlegung – hat der Insolvenzverwalter einen Interessenausgleich mit dem Betriebsrat zu vereinbaren gemäß § 125 InsO.

Sozialauswahl auch bei Insolvenz

Im Interessenausgleich sind auch die Grundsätze der Sozialauswahl zu vereinbaren.

Kommt dieser Ausgleich nicht zustande oder gibt es keinen Betriebsrat und will der Insolvenzverwalter Beschäftigte entgegen den Grundsätzen der Sozialauswahl kündigen, so kann er die Kündigung beim Arbeitsgericht beantragen. Dafür hat er zu begründen, dass die Kündigung durch dringende betriebliche Erfordernisse bedingt und sozial gerechtfertigt ist.

„Die soziale Auswahl der Arbeitnehmer kann nur im Hinblick auf die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter und die Unterhaltspflichten nachgeprüft werden.“ (InsO, § 126 Abs. 1)

Wer von der Kündigung betroffen ist, kann dagegen fristgemäß (innerhalb von 21 Tagen) seine Kündigungsschutzklage gemäß § 4 KSchG einreichen. Vielleicht fragen Sie sich jetzt:

Was soll eine solche Klage noch bringen, wo doch die Firma Pleite ist?

  1. Sie erhöhen mit der Klage ihre Chancen, dass alle Ansprüche auf Urlaubsabgeltung, Überstundenvergütung, Gratifikationen und ein inhaltlich verhandelbares Arbeitszeugnis durchgesetzt werden.
  2. Sie können leichter auch Abfindungen durchsetzen. Wie hoch diese ausfallen könnten, ist aufgrund der Insolvenz allerdings schwer kalkulierbar.

Kündigungsfristen bei Insolvenz

Eine ordentliche Kündigung ist gemäß InsO § 113 abweichend zu den gesetzlichen Kündigungsfristen, den tariflichen oder einzelvertraglichen Kündigungsfristen auf maximal 3 Monate zum Monatsende möglich.

Massenentlassungen sind bei der Arbeitsagentur mit einer Vorlaufzeit gemäß § 18 KSchG anzumelden

Auch wenn Arbeitnehmer durch die Insolvenz des Unternehmens also weniger Chancen haben, sich gegen die Kündigung zu wehren, sind sie nicht plötzlich rechtlos. Sie können bestimmte Schadenersatzansprüche geltend machen.

Für eine hohe Abfindung dürfte allerdings fast ausnahmslos kein Geld da sein.

 

Insolvenzgeld

Häufig ist bei drohender Insolvenz die Lohn- oder Gehaltszahlung gefährdet. Zahlt der Arbeitgeber den Lohn nicht, können Arbeitnehmer für bis zu drei Monate Insolvenzgeld bekommen. Dies müssen Sie innerhalb von 2 Monaten  nach Eröffnung des Insolvenzverfahrensbei der Arbeitsagentur beantragen. Sie erhalten das Insolvenzgeld in Höhe de Nettolohns oder -gehalts ausgezahlt. Die Arbeitsagentur übernimmt den Lohnausfall bis zur Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung (aktuell im Jahr 2019 in den alten Ländern monatlich 6.700 € brutto bzw. in den neuen Ländern 6.150 € brutto). Das Insolvenzgeld ist steuerfrei.

 

Chancen auf Abfindung trotz Insolvenz

Wenn Sie eine Abfindung vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens vereinbaren, so gehört diese zu den Insolvenzforderungen gem. § 38 InsO. Von Forderungen, die vor der Insolvenz entstanden sind, bleibt im Insolvenzverfahren meist nur eine geringe Quote oder gar nichts zur Auszahlung übrig.

Zu dieser Art Forderungen gehören beispielsweise ausstehender Lohn, finanzielle Abgeltung von Arbeitszeitkonten, Urlaubsabgeltung, Tantiemenansprüche, Arbeitgeberzuschüsse zur betrieblichen Altersversorgung, vermögenswirksame Leistungen, Gratifikationen, Betriebsrente usw. Ebenso betrifft es auch Abfindungen, die Unternehmensführung und Betriebsrat oder der Gewerkschaft vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens vereinbaren. Auch wenn der konkrete Abfindunsanspruch erst mit der Kündigung oder dem Ausscheiden der Beschäftigten entsteht, wurde die Vereinbarung bereits vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens begründet.

Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis, die nach Insolvenzeröffnung entstehen, sind grundsätzlich Masseverbindlichkeiten. Sie müssen gem. § 53 InsO vorzugsweise befriedigt werden. Arbeitnehmer können somit einen vollen Lohn- oder Gehaltsausgleich beanspruchen.

Auch Abfindungen, die in einem Kündigungsschutzprozess nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens vereinbart werden, sind Masseschulden. Der Insolvenzverwalter muss sie sofort ausgleichen.

Die Forderungen der Arbeitnehmer werden in dem Fall nicht in die Insolvenztabelle aufgenommen. Die Folge: Arbeitnehmer müssen sich nicht wie die anderen Gläubiger mit einem prozentualen Anteil abspeisen lassen.

Abfindung ist bei Insolvenz meist verloren

Sollten sich Arbeitnehmer vor Eintreten der Insolvenz des Arbeitgebers den Anspruch auf eine Abfindung gesichert haben, aber die Abfindung noch nicht ausgezahlt sein, ist die Abfindung meist verloren. Hierzu ein Beispiel:

„Die über vier Millionen Euro sind einfach nicht vorhanden und eine Klage scheint wenig aussichtreich… Als 200 Beschäftige knapp zwei Monate vor der Insolvenz der Saarbrücker Gusswerke ihre Aufhebungsverträge unterschrieben, schien alles in Ordnung. Ein Trugschluss, wie sich immer mehr herausstellt. Der Vertrag zum geordneten Interessenausgleich ist durch den Betriebsrat abgezeichnet worden, obwohl ein unbedingt notwendiges Testat über die Finanzierbarkeit der geschlossenen Vereinbarung fehlte. Und das, obwohl die nötige Bestätigung durch eine namentlich benannte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Vertrag steht.“ (sr.de, 11.10.2019)

Gerade bei einem größeren zeitlichen Abstand zwischen der Vereinbarung der Abfindung und der Auszahlung trägt der Arbeitnehmer das Risiko, keine Abfindung bei Insolvenz des Arbeitgebers zu erhalten. Dies gilt um so mehr, wenn die Insolvenz des Arbeitgebers vielleicht sogar Jahre zurück liegt und alle gerichtlichen Schritte dennoch bisher erfolglos blieben.

Woher sollte die Abfindung auch kommen?

Aus der Insolvenzmasse?

Erfahrungsgemäß bekommen Mitarbeiter in etwa zwei von einhundert Unternehmensinsolvenzen eine im Sozialplan ausgehandelte Abfindung.

Wie lässt sich eine Abfindung doch noch retten?

Wenn Arbeitnehmer befürchten, dass eine Abfindung vom Arbeitgeber möglicherweise wegen Insolvenz des Arbeitgebers nicht ausgezahlt werden kann – was dann? Sie sollten zumindest versuchen, ihre Abfindung rechtzeitig zu sichern. Hierzu ist jedoch anwaltlicher Rat dringend zu empfehlen. Sonst sind Abfindung und Job verloren, wie auch das Bundesarbeitsgericht in einem Urteil bestätigte (Aktenzeichen: 6 AZR 357/10).

Aufgrund dieses Urteils hält Georg Jaeger, Fachanwalt für Arbeitsrecht, grundsätzlich folgende Möglichkeiten für denkbar, um die vereinbarte Abfindung zu sichern:

  • Auszahlung der Abfindung, sobald ein Aufhebungsvertrag geschlossen wird – was jedoch nur vereinbart werden kann, rechtlich dagegen nicht durchsetzbar ist;
  • Bankbürgschaft des Arbeitgebers über den vereinbarten Abfindungsbetrag – wozu jedoch allein schon wegen der hohen Kosten kaum ein Arbeitgeber bereit sein wird;
  • eine Ausstiegsklausel im Aufhebungsvertrag, wodurch der Arbeitnehmer berechtigt wird, jederzeit das Arbeitsverhältnis zu beenden und die Abfindung ausgezahlt zu bekommen;
  • ein Rücktrittsrecht des Arbeitnehmer vom Aufhebungsvertrag, falls die Abfindung nicht fristgerecht gezahlt werde.

Siehe auch: Spiegel.de, 24.05.2012

Empfehlung:

Merkblatt 10: Insolvenzgeld für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer


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Thomas Schulze
 

Ich helfe allen, denen eine Kündigung droht, ihre Möglichkeiten für eine (höhere) Abfindung nach Steuern besser und leichter zu nutzen, auch wenn solche Gestaltungsmöglichkeiten seit Jahren immer mehr eingeschränkt wurden.

  • Wolf sagt:

    Sehr geehrter Herr Schulze,

    nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit hat mein Arbeitgeber Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet und für die Monate Mai, Juni und Juli 2017 steht Insolvenzausfallgeld durch die ARGE an. Angeblich gibt es einen Sozialplan. Kündigungen wurden noch nicht ausgesprochen. Steht mir eine Abfindung unter Garantie zu? Was ist, wenn ich selbst kündige. Erhalte ich dann eine Abfindung?

    • Thomas sagt:

      Hallo Wolf,
      eine Abfindung steht Ihnen beispielsweise zu, wenn Sie im Sozialplan vereinbart wurde und das Amtsgericht dem zustimmt. Beides wissen Sie nicht – woher soll ich das dann gar wissen? 😉
      Selbst wenn beide Voraussetzungen erfüllt sind, bleibt die Frage, ob dafür genügend finanzielle Mittel vorhanden sind. Auch diese Frage kann Ihnen derzeit niemand beantworten.
      Wenn Sie selbst kündigen, können Sie versuchen, eine Abfindung auszuhandeln. Einen Rechtsanspruch darauf haben Sie nicht.

      Viel Glück

      Thomas Schulze

  • Paul sagt:

    Hallo, ich arbeite seit zwei jahre in eine Papierfabrik mit 115 Mitarbeiter.
    Die Firma hat vor 3 Monate Insolvenz angemeldet. Diese letzte 3 Monate wurden anscheinend von Arbeitsamt übernommen. Nun hat der insolvenzberater alle Mitarbeiter gekündigt- jeweils mit 2 und 3 Monate Kündigungsfristen.
    Ein sozialplanung würde auch erstellt. Habe ich Anspruch auf Abfindung für die 2 jahre die ich hier gearbeitet habe? Soll ich überhaupt zum Arbeitsgericht? R.S. Vers. Habe ich leider nicht sonst würde ich auch zum Anwalt gehen…

    • Thomas sagt:

      Hallo Paul,

      einen Abfindungsanspruch haben Sie vermutlich nur, wenn dies vertraglich (beispielsweise im Tarifvertrag) festgelegt wurde – siehe auch http://www.abfindunginfo.de/abfindung-bei-kuendigung.html Das könnte auch der Fall sein, falls eine solche im Sozialplan festgeschrieben wird. Darüber hinaus wird Ihnen eine Klage mit oder ohne Anwalt nicht viel nützen. Denn wenn kein Geld mehr da ist, gibt es auch keine Abfindung, selbst wenn Sie einen Anspruch darauf hätten.

      Ihr

      Thomas Schulze

      • Paul sagt:

        Danke für die antwort.
        Geld ist da, der insolvenzberater hat dem Betriebsrat 800000 Euro für Abfindungen zugesichert, das hat er auch den Mitarbeiter nochmals in der Betriebsversammlung erwähnt.
        Die frage ist ob ich die sofern mir für die 2 jahre etwas zusteht, automatisch bekomme oder über ein Anwalt holen lassen soll.

        Danke.

        • Thomas sagt:

          Hallo Paul,
          falls es keinen Sozialplan oder keine Kündigung durch den Insolvenzverwalter gibt, woraus sich ein Abfindungsanspruch für Sie ergeben könnte, bliebe Ihnen wohl nur eine Klage. Da Ihnen in dem Fall keine Abfindung „zusteht“, brauchen Sie gute Argumente, damit das Gericht das anders sieht und zu Ihren Gunsten urteilt. Ob sich das lohnt? Wenn sich das Gericht an die „Regelabfindung“ hält (siehe auch Abfindungshöhe), bekämen Sie 2 x 0,5 Monatsgehälter. Von diesem müssen dann noch Ihre Gerichtskosten bezahlt werden und der Anwalt, falls Sie einen nehmen würden.

          Freundliche Grüße

          Thomas Schulze

          • Paul sagt:

            Ein Arbeitskollege von mir hat gestern ein Anwalt aufgesucht und der Anwalt hat geklagt gegen den insolvenzverwalter, in der Klage erklärt der Anwalt die Kündigung sei rechtswidrig und ungültig. Was will er damit erreichen.

          • Thomas sagt:

            Hallo Paul,

            der Anwalt? – Zunächst mal Geld verdienen. 😉
            Ob der Insolvenzverwalter form- und fristgerecht gekündigt hat oder von daher eine Chance für eine erfolgreiche Klage besteht, kann ich nicht einschätzen, weil ich weder den Arbeitsvertrag, noch die Tarifverträge und schon gar nicht die Kündigung kenne.
            Sie können jedoch auch selbst prüfen, ob vom Insolvenzverwalter gegen wesentliche Bedingungen für eine betriebsbedingte Kündigung verstoßen wurde und deshalb Chancen für eine erfolgreiche Klage bestehen, wenn Sie Ihre Kündigung anhand der Kleinen Checkliste Kündigung prüfen.

            Freundliche Grüße

            Thomas